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Tam Coc: Reisfelder, Drachen und ein bisschen „rrraamm rrraamm“

Nach unserem etwas schaumgebremsten Aufenthalt in Luang Prabang bin ich in Tam Coc wild entschlossen, hier das Beste aus unserer Zeit herauszuholen.

Wir wohnen in einem kleinen Homestay außerhalb des eigentlichen Ortes, mitten in den sattgrünen Reisfeldern. Unser Haus ist so nah an einen der markanten Kalksteinberge gebaut, dass man aus dem Badezimmer die steil aufragende Felswand berühren kann. Das Zimmer selbst ist zwar nicht besonders gemütlich, aber mit seinem verfliesten Boden ein angenehmer Kontrast zu unseren Unterkünften der letzten Wochen. Irgendwie ist es doch schön, sich seinen Raum einmal nicht mit Eidechsen, Kakerlaken und anderem Getier teilen zu müssen!

Allerdings gibt es hier draußen nichts zu essen, und um unseren Hunger zu stillen, mieten wir direkt bei unserer Unterkunft zwei Fahrräder. Die Dame vor Ort zeigt uns noch, wie man das Trafolicht einschaltet, und schon starten wir los. Allerdings zeigt sich schon nach wenigen Metern, dass ein eingeschalteter Trafo noch lange nicht bedeutet, dass das Licht auch funktioniert. Und so tun wir, was wir zu Hause nie im Leben tun würden: Wir fahren unbeleuchtet auf einer dicht befahrenen Straße. Zum Glück sind es nur zwei, drei Kilometer nach Tam Coc, aber wir sind dennoch froh, dass wir diese Fahrt unbeschadet überstehen.

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Die Ortschaft Tam Coc hat außer Restaurants und Reisebüros nicht viel zu bieten.

Am nächsten Morgen nehmen wir ein Taxi, um in der Stadt ein Motorrad zu mieten. Dieses Mal ist es kein Elektroroller, sondern ein echter Benziner. Der ist zwar nicht besonders umweltfreundlich, aber dafür kann man damit so richtig rrraamm-rrraamm machen – sehr zur Freude von Fred. Mir ist das Ding zunächst ziemlich unheimlich, und ich klammere mich verkrampft hinten fest, aber schon bald beginne ich Spaß daran zu haben, so gemütlich durch die wunderschöne Landschaft zu tuckern.

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Rrraamm rrramm – auf unserem Motorrad sind wir die Allercoolsten!

Wir fahren durch eine pittoreske Landschaft aus Reisfeldern und kleinen Dörfern, und ich wundere mich über die unzähligen kleinen und auch größeren Tempelanlagen und Friedhöfe, die hier mitten im Nirgendwo zwischen den Feldern stehen. In Vietnam ist es üblich, die Ahnen möglichst nahe am eigenen Land zu begraben, und viele Familien errichten kleine Grabstätten direkt neben ihren Reisfeldern – so bleiben die Verstorbenen symbolisch Teil des täglichen Lebens.

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Unmittelbar bei den Reisfeldern stehen zahlreiche kleine Friedhöfe.

Die charakteristischen Karstberge werden immer häufiger, bis wir schließlich in Trang An ankommen, wo wir das Motorrad gegen eines der zahlreichen bereitstehenden Boote tauschen. Diese bieten jeweils Platz für vier Personen, hinten sitzt eine Ruderin, die uns die nächsten drei Stunden durch das Fluss- und Höhlensystem des Ngo Dong Flusses navigiert.

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Mit kleinen Booten geht es durch das Flusssystem des Ngo Dong.
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Die Boote machen immer wieder an wunderschönen Tempelanlagen Halt.

Wir machen Halt an kleinen Tempelanlagen und fahren anschließend durch mehrere Höhlen, darunter eine, die sich über fast einen Kilometer erstreckt. Immer wieder müssen wir uns bücken, um uns nicht den Kopf an der niedrigen Höhlendecke oder an herabhängenden Tropfsteinen zu stoßen (streng genommen sind das übrigens Stalaktiten, die von der Decke wachsen). Ich verdränge den Gedanken daran, wie viele Tonnen Gestein über uns liegen, ebenso wie die Furcht vor einer plötzlichen Überschwemmung – und bin trotzdem erleichtert, als wir die Höhle wieder verlassen.

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Bei der Fahrt durch die einen Kilometer lange Höhle wird einem schon ein bisschen mulmig.

Draußen öffnet sich wieder diese fast unwirkliche Landschaft aus Wasserarmen, Reisfeldern und Karstbergen – nicht zu Unrecht wird Trang An oft als die „kleine Schwester der Ha Long Bay“ bezeichnet.

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Wenn man diese Bilder sieht, versteht man, warum das Flusssystem des Ngo Dong als „die kleine Schwester der Ha Long Bay“ bezeichnet wird.

So schön die Bootsfahrt auch ist, nach drei Stunden sind wir doch froh, die unbequemen Sitze verlassen und auf unserem Motorrad weiterfahren zu können.

Unser nächstes Ziel ist Hoa Lu, die alte Hauptstadt Vietnams aus dem 10. Jahrhundert. Hier residierten die ersten vietnamesischen Kaiser, bevor die Hauptstadt später nach Hanoi verlegt wurde. Heute ist die Anlage vor allem eine historische Tempelanlage, eingebettet in eine eindrucksvolle Landschaft aus Bergen und Feldern.

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Bei unserer Ankunft ist die Kaiserstadt aus dem 10. Jahrhundert ins goldene Licht der untergehenden Sonne getaucht.

Als wir ankommen, steht die Sonne schon tief und taucht alles in ein warmes, goldenes Licht. Wir spazieren ein wenig durch die Anlage, treten aber bald wieder die Heimreise an – wir wollen noch einen guten Platz für den Sonnenuntergang finden.

Allerdings kommen wir zunächst nicht weit, denn in einem Dorf werden wir von einem Umzug aufgehalten: Vorne tanzt ein gelb gekleideter Drache, dahinter folgen bunt verkleidete Figuren und ein Trommler. Solche Umzüge gehören oft zu lokalen Festen oder religiösen Feierlichkeiten und sollen Glück bringen und böse Geister vertreiben.

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Zufällig stoßen wir auf einen Drachenumzug. Hier waren wir zur richtigen Zeit am richtigen Ort!

Und so finden wir uns zur Zeit des Sonnenuntergangs mitten in den Reisfeldern wieder – nicht ganz geplant, aber wunderschön.

Eigentlich haben wir für heute genug gesehen, aber der Zufall führt uns noch zum Hang Múa. Zwar ist es zu spät, den Hügel heute noch zu besteigen, aber es ist herrlich, im Abendlicht durch die Teiche mit den Lotusblumen zu spazieren.

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Im Licht der soeben untergegangenen Sonne wirken die Lotusteiche bei Hang Múa fast kitschig, aber dennoch wunderschön.

Zum Abschluss des Tages kehren wir in einem der netten Lokale außerhalb von Tam Coc ein und stärken uns mit Pho und Banh Mi. Heute, so sind wir uns einig, waren wir wirklich fleißige Touristen.

Am nächsten Tag setzen wir gleich noch eins drauf und schwingen uns bereits um sechs Uhr früh wieder auf unser Motorrad, um noch einmal zum Hang Múa zu fahren. Diesmal wollen wir den Aussichtspunkt erklimmen, um das Licht des frühen Morgens zu nutzen.

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Hang Múa kurz nach Sonnenaufgang

Der Anstieg über mehr als 500 ungleich hohe Stufen ist trotz der frühen Stunde schweißtreibend, aber wir sind motiviert, und nach rund 20 Minuten erreichen wir die Plattform. Von hier aus sehen wir die Reisfelder, durchzogen von kleinen Flüssen und eingerahmt von den Karstbergen, noch einmal aus einer ganz anderen Perspektive.

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von oben haben wir einen wunderschönen Blick auf die von Felsen umgebenen Reisfelder.

Aber es geht noch weiter hinauf: Am Gipfel thront der berühmte Drachen, der sich über die Felsen zieht. Natürlich will ich auch dort hinauf, aber meine Sandalen sind dafür denkbar ungeeignet, und so begnüge ich mich damit, dem Drachenkopf einen Besuch abzustatten, anstatt weiter über die scharfen Felsen zu klettern.

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Der Weg wäre hier auch noch weitergegangen – theoretisch…

Jetzt haben wir uns wirklich ein Frühstück verdient, und so fahren wir zurück zu unserem Homestay.

Bevor wir Tam Coc verlassen, machen wir noch einen Abstecher zum Thung Nham Bird Garden. Die Empfehlung klang gut, die Realität ist es weniger: ein überteuerter Eintritt, künstlich angelegte Anlagen und wenig Atmosphäre. Vielleicht hätte uns die Bootsfahrt zur Vogelinsel besser gefallen, aber dafür fehlt uns die Zeit.

Wir geben das Motorrad zurück, essen noch eine Kleinigkeit und steigen schließlich in den Bus nach Cat Ba.

Was mir von Tam Coc bleiben wird, sind nicht die alte Hauptstadt und die vielen Tempel – so schön sie auch sind – und auch nicht die Stadt selbst, die außer Touristenlokalen wenig zu bieten hat.

Es sind die sattgrünen Reisfelder im Abendlicht und die bizarren Karstberge, die daraus aufragen.

Und vielleicht noch etwas anderes: ein neues Bewusstsein dafür, wie viel Arbeit hinter einem einfachen Teller Reis steckt. Hier stehen Menschen bis zur Hüfte im Wasser und bearbeiten die Felder in mühsamer Handarbeit. Man sieht das – und denkt beim nächsten Mal vielleicht ein bisschen anders darüber nach.

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Hier entsteht in mühevoller Arbeit das, was bei uns einfach am Teller landet.

Viel Zeit, das alles nachwirken zu lassen, bleibt uns allerdings nicht – denn schon geht es mit dem Bus weiter nach Cat Ba. Und dort erwartet uns eine völlig andere Welt.

Wie sich dieser Ortswechsel anfühlt, könnt ihr hier nachlesen.


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