Auch unseren zweiten Tag in Muang Ngoi wollen wir für einen Ausflug in die wunderschöne Umgebung nutzen. Da die gestrige Dschungelwanderung sehr anstrengend war, wollen wir es heute langsamer angehen und buchen den vermeintlich kurzen Spaziergang zum nahegelegenen Tad Mok-Wasserfall. Unser Gastgeber Ut hat heute keine Zeit, um mit uns zu gehen, weil er die Rudermannschaft des Dorfes trainieren muss, stattdessen begleitet uns heute sein Freund Oumpan.
Wie gestern beginnt auch der heutige Ausflug auf dem Langboot, allerdings fahren wir diesmal flussabwärts. Nach etwa einer halben Stunde steigen wir an einer lehmigen Uferstelle aus und beginnen – so glauben wir zumindest – unseren Spaziergang. Nach nur wenigen Minuten erreichen wir auch schon ein laotisches Dorf. Hier sehen wir die typischen, aus Bambusmatten errichteten Häuser, daneben aber auch schon stabilere Bauten aus Holz oder Betonziegeln.
Weiter geht es zu einem Dorf, das von einer chinesischen Minderheit bewohnt wird. Allerdings dämmert uns langsam, dass aus dem geplanten Spaziergang nichts wird, denn der Weg dorthin führt uns zwei Stunden lang auf staubigen Wegen durch brütend heiße Reisfelder. Es gibt weit und breit keinen Schatten, und wir fragen uns allmählich, ob dieser Ausflug eine gute Idee war. Aber zurück können wir jetzt nicht mehr – und als wir schließlich im Dorf ankommen, vergesse ich alle Mühen.
Hier sieht man nämlich, wie die Bevölkerung im Norden von Laos wirklich lebt. Das erste, das mir auffällt, als wir uns der Siedlung nähern, ist ein seltsam monotoner Singsang, begleitet von lautem Schellengerassel. Auf Nachfrage erklärt uns Oumpan, dass hier jemand krank ist und gerade von einem Schamanen behandelt wird. Die Leute hier sind zwar eigentlich buddhistisch, aber auch die alten animistischen Religionen sind tief in den Seelen verwurzelt.
Ein Stück weiter gehen wir an einer Frau vorbei, die vor ihrer Hütte einen Korb aus Bambus flicht, und setzen uns schließlich vor dem kleinen Kiosk nieder, um uns bei einem kalten Getränk ein wenig zu erholen. Gegenüber von uns sitzen unter einem Mangobaum drei Kleinkinder im Staub, die sich damit vergnügen, sich diesen gegenseitig in die Haare zu massieren.

Wieder ein paar Schritte weiter erregt eine Frau, die weiße Flocken auf einer Plane zum Trocknen ausbreitet, meine Aufmerksamkeit. Oumpan erzählt uns, dass es sich dabei um geschnetzelten Maniok handelt, der so zu Tierfutter verarbeitet wird. Neben ihr sitzen zwei Burschen, die den Maniok auf einer Mühle zerkleinern.


Am Dorfplatz sitzen einige alte Leute, die mit einem scharfen Messer Streifen aus einer Rinde schneiden, um daraus Papier herzustellen. Lampions und Notizbücher aus diesem Papier habe ich bereits an den Ständen in Muang Ngoi gesehen, aber hier zu erleben, wie es produziert wird, ist noch einmal etwas ganz anderes.

Gleich daneben treffen wir einige Kinder, jedes von ihnen einen Hahn unter dem Arm. Die armen Tiere werden nacheinander aufeinander losgelassen, wohl mit dem Ziel, dass sie miteinander kämpfen, doch die Kinder werden enttäuscht – die Hähne sehen sich nur gelangweilt an und versuchen davonzulaufen. Ich kann sie gut verstehen.

Ein paar Meter weiter ist eine andere Gruppe von Kindern, bewaffnet mit Taucherbrillen und Harpunen, gerade am Weg zum nahegelegenen Bach, um Fische zu fangen. Überhaupt essen die Leute hier alles, was sie erwischen können. Unser Guide gerät ins Schwärmen, als er ein Spinnennetz entdeckt und behauptet, dass diese Spinnen, gebraten mit Zwiebel, Knoblauch, Chili, Schnaps und Beerlao ausgesprochen „lecker“ sind. Dazu passt die Geschichte, die uns unser Gastgeber Ut gestern erzählt hat, nämlich dass Pythons begehrte Leckerbissen sind und ähnlich schmecken wie Hühnerfleisch, nur saftiger. Auch Affen sind eine beliebte Bereicherung für den Speiseplan, allerdings findet man sie nur mehr selten – die schlauen Tiere haben sich tief in die Wälder zurückgezogen und meiden menschliche Siedlungen.


Doch nicht nur Fleisch ist ein begehrtes Nahrungsmittel, auch verschiedenste Früchte stehen hoch im Kurs. Als Oumpan auf einen Baum zeigt, verstehen wir erst nicht, was er uns zeigen will, bis wir in gut zehn Metern Höhe einen Mann herumklettern sehen, der dort oben Tamarindenschoten pflückt. Als uns der Mann sieht, wirft er uns einige Schoten zum Probieren herunter. Ich habe noch nie frische Tamarinde gekostet und bin vom süß-sauren Geschmack begeistert.

Dorfauswärts sehen wir noch einen Mann, der vor seinem Haus die für Laos charakteristischen Bambushüte fertigt, ehe wir durch einen Hain aus Gummibäumen, jeder mit einem kleinen Schüsselchen am Stamm, wieder Richtung Fluss zurückgehen. Ich stibitze ein wenig frischen Gummi aus einer der Schüsseln und freue mich an der elastischen, klebrigen weißen Masse.


Die Naturverbundenheit und die Vielfalt an Handwerkskunst in diesem Dorf beeindrucken mich. Obwohl die Nutzpflanzen und die Techniken ganz andere sind, erinnern mich viele dieser Szenen an meine Kindheit in einem burgenländischen Dorf – auch dort spielte sich das Leben oft draußen ab, vieles entstand noch in mühsamer Handarbeit, und die Menschen saßen beieinander, tauschten sich aus und erlebten Gemeinschaft. Und so bettelarm die Menschen und die Kinder hier auch sein mögen, denke ich, dass sie freier und in mancher Hinsicht auch glücklicher sind als wir in unserer modernen Welt, in der so vieles einfacher ist und trotzdem viele Menschen unter Einsamkeit leiden.
Langsam machen wir uns wieder auf den Weg, denn der Tag ist noch lange nicht zu Ende. So begeistert ich auch von meinen Erlebnissen im Dorf bin, noch einmal zwei Stunden durch die flirrende Hitze zu wandern lässt meine Laune schnell sinken. Wie war das noch einmal mit dem Spaziergang, den wir für heute gebucht haben?
Endlich sind wir wieder beim Boot angelangt, das jetzt ein Stück weiter flussabwärts auf uns wartet, und setzen über ans andere Ufer. Von dort sind es nur rund 20 Minuten bis zur Organic Farm, bei der wir zu Mittag essen. Leider kam knapp vor uns eine 8-köpfige Gruppe hungriger Touristen hierher und wir müssen warten, bis diese abgefertigt sind, bevor unser Essen gekocht wird. Das verstehen wir ja, aber dass die Wartezeit gut zwei Stunden beträgt, finden wir dann doch etwas übertrieben!
Aber letztlich wird das sogar zu einem Vorteil, denn als wir anschließend zum Wasserfall weiterwandern, sind die Ausflugsboote und damit auch alle Touristen bereits weg und wir haben den Wasserfall ganz für uns alleine! Obwohl er jetzt, in der Trockenzeit, wesentlich weniger Wasser führt als im Juni oder Juli, sind die Wasserkaskaden, die aus rund 20 Metern Höhe den Fels herunterstürzen, beeindruckend. Am allerschönsten ist es aber, im Becken darunter zu baden und sich im herabprasselnden Wasser die müden Schultern massieren zu lassen – einfach herrlich nach all dem Schwitzen des anstrengenden Tages!


Nur schwer trenne ich mich von diesem Paradies und wir wandern über die trockenen Reisfelder zurück zum Boot. Dieser Tag war zwar wesentlich anstrengender als geplant, aber ich fühle mich beglückt und bereichert – und ein kleines bisschen auch daran erinnert, wie wenig es manchmal braucht, um zufrieden zu sein.
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