Das Kloster-Abenteuer beginnt bereits mit der Anreise. Von der Website des Klosters wissen wir, dass zwei Mal täglich ein gelber Bus vom Busbahnhof in Pai zum Kloster Wat Pa Tam Wua fährt, angeblich um 8:00 und um 11:30. Zum Glück haben wir das bereits am Vortag in Pai verifiziert und dabei in Erfahrung gebracht, dass der Bus erstens bereits um 11:00 abfährt und zweitens sehr voll ist.

Deshalb sind wir bereits um 10:35 am Busbahnhof und das ist gut so, weil wir ergattern gerade noch die letzten zwei Sitzplätze. Zwar kommen auch nach uns noch einige Passagiere an, aber die verbringen die gut 2,5 Stunden Fahrtzeit stehend auf der Hinterplattform des Autos. Ich bin froh, dass ich das nicht tun muss, wirkt ziemlich anstrengend und vor allem nicht ungefährlich, denn der Bus windet sich wieder einmal über unzählige Kurven bergauf und bergab.

Das Kloster liegt wunderschön in einer Ebene, die von zwei steil aufragenden, sicherlich 200 m hohen Felsen dominiert wird. Dadurch wirkt der Ort sehr mystisch und besonders.

Wir werden in einer Art überdachten Empfangshalle im Freien begrüßt, und zwar nicht besonders freundlich. Wir müssen die Schuhe ausziehen und bekommen jeder eine Liste mit dem Tagesablauf und den Klosterregeln in die Hand gedrückt. Dass wir früh aufstehen müssen und nach 11:00 Uhr vormittags nichts mehr zu essen bekommen, haben wir ja schon gewusst, aber manche der anderen Regeln erscheinen uns schon ein bisschen sonderbar. So ist zum Beispiel nicht nur das Gespräch mit Personen anderen Geschlechts ab 20:30 verboten (von Berührungen sowieso zu schweigen!), sondern erstaunlicherweise auch Yoga oder sogar Dehnübungen.
Aber andererseits – wir sind hier Gäste in einem Kloster und haben uns ja freiwillig darauf eingelassen! Und wenn ich sage Gäste, dann meine ich wirklich Gäste: das einzige, das die Mönche von uns als Gegenleistung für Kost und Logis verlangen, ist das Respektieren und Einhalten ihrer Regeln und die Teilnahme an den Meditationen.

Einzeln müssen wir mit unserem Pass zur streng wirkenden Frau am Empfangstisch gehen und bekommen unsere Zimmernummer zugeteilt. Ich habe damit gerechnet, in einem Schlafsaal mit anderen Frauen untergebracht zu werden, aber zu meinem Erstaunen bekomme ich einen Schlüssel für eine Einzelhütte, die man hier Kuti nennt. Naja, manchmal hat es halt doch Vorteile, älter zu sein als der Durchschnitts-Backpacker!
Jedenfalls ist das frühe Mittagessen schon vorbei und wir sind ziemlich hungrig. Zum Glück gibt es auf dem Klostergelände eine Kantine! Manfred entdeckt hier seine Liebe zu den in Asien so populären Instant-Nudelsuppen, ich bin davon weniger begeistert, esse aber trotzdem eine – immerhin bekomme ich so etwas Warmes in den Magen. Und zum Glück habe ich ja am Vorabend in Pai wie ein Eichhörnchen vegane Snacks gesammelt, sehr zu Manfreds Belustigung – aber jetzt bin ich heilfroh darüber!
Nach dieser Stärkung gehen wir in eine Hütte, in der wir uns passende Klosterkleidung aussuchen können. Hier trägt jeder, egal ob Männlein oder Weiblein, ein dünnes weißes Baumwollhemd, und zwar hochgeschlossen bis zum obersten Knopf, und dazu eine lange weiße Baumwollhose. Für uns Neuankömmlinge ist das ein lustiger Anblick, irgendwie sieht es aus, als wären wir in der Psychiatrie gelandet. Und als dann die „Insassen“ im Gänsemarsch und im Zeitlupentempo an uns vorbeischreiten, noch dazu mit todernstem Gesicht, muss ich mir wirklich das Lachen verkneifen. Natürlich weiß ich, dass sie Gehmeditation praktizieren, und ich freue mich auch schon darauf, sie am nächsten Tag selbst zu üben, aber der Anblick ist schon sehr besonders!
Neben der Gewandausgabe bekommen wir unser Bettzeug: eine ca 1,5 cm dicke Matte als „Matratze“, einen kleinen Polster und zwei Decken. So ausgerüstet marschieren wir zu unseren Unterkünften. Meine Hütte ist einfach, das „Bett“ sieht aus wie ein niedriger Tisch, Matratze gibt es keine, aber damit habe ich gerechnet. Nicht gerechnet habe ich mit einem eigenen Badezimmer, das ist ein unerwarteter Luxus, ebenso die Fliegengitter an der Tür und an sämtlichen Fenstern. Allerdings verhindern diese leider nicht die Ameisenkolonie in meiner gesamten Hütte, aber sowas muss man als Backpacker aushalten…

Um 16:00 treffen wir uns wieder in der Empfangshalle und bekommen von der strengen Frau eine Einweisung ins richtige Verhalten. Wir lernen, wie man die Mönche begrüßt und wie man sich in der Dhamma-Halle und im angrenzenden Dining-Room verhält. Außerdem bekommen wir eine erste Einweisung in die Meditationstechnik. Alles ausgesprochen hilfreich für uns Novizen, zum Teil aber auch recht befremdlich.
Um 18:00 Uhr geht es dann richtig los: alle versammeln sich in der Dhamma Hall zum Evening Chant. Auch hier sind wir, ebenso wie in den Schlafräumen, streng nach Männlein und Weiblein getrennt: die ersten drei Reihen sind den Männern vorbehalten, wir Frauen sitzen in sechs Reihen dahinter (an unserem Ankunftstag befinden sich 104 Gäste im Kloster und rund zwei Drittel davon sind weiblich).

Pünktlich um sechs marschieren die Mönche ein. Zu meiner Überraschung sind es nur drei Mönche, die vorne auf dem hölzernen Podest Meditationshaltung einnehmen. Einer davon nennt uns die Seite im Chanting-Book, das für jeden von uns bereitliegt, und beginnt mit dem Chanten. Alle Verse werden gemeinsam gesungen, zuerst in Pali, dann auf Thailändisch und dann auf Englisch. Wenn der Mönch alleine chantet, klingt das sehr melodiös und spirituell, aber mit 104 Touristen im Chor klingt es eher nicht so schön…
Ich bemühe mich, mein Bestes zu geben und chante eifrig mit, kann mich aber nicht so richtig hineinfallen lassen. Noch dazu dauert das Chanten eine gefühlte Ewigkeit, sicher mehr als eine Stunde! Endlich werden die Lichter abgedreht und wir werden angewiesen, uns jetzt der stillen Vipassana-Meditation zu widmen. Es gibt nicht viel Erklärungen, wir sollen uns ganz einfach aufs Ein- und Ausatmen konzentrieren. Das versuche ich auch und einige Minuten gelingt es mir ganz gut, aber dann merke ich zu meinem Entsetzen, dass ich immer wieder wegdämmere! Später erfahre ich, dass es den anderen auch nicht viel anders ergangen ist.
Nach gut zwei Stunden ist die Abendmeditation vorbei und wir treffen uns wieder in der Kantine. Es tut gut, sich dort untereinander, aber auch mit den Mädels, die wir schon vom Gelben Bus kennen, auszutauschen und noch einen Happen zu essen (ja, ich esse mit Todesverachtung noch eine weitere Instant-Suppe!).
Und dann ist es Zeit für die erste Nacht im Kloster. Gut, dass ich meinen dünnen insektendichten Schlafsack dabei habe, vor der nackten Matte und den Decken würde mir sonst doch ziemlich grausen. Die harte Unterlage finde ich gar nicht so schlimm, trotzdem kann ich ewig nicht einschlafen. Und auch dann ist der Schlaf nur von kurzer Dauer, denn mir wird dermaßen kalt, dass ich hintereinander alle Kleidungsstücke, die ich noch in meinem Rucksack habe, anziehe. Viel wärmer wird mir trotzdem nicht, und so bin ich schon lange, bevor um fünf Uhr der Wecker läutet, wieder wach.
Noch eingehüllt in alle Decken, die ich habe, mache ich mich an meine Morgenmeditation. Diese funktioniert erstaunlich gut, es ist einfacher, in dieser Umgebung zu meditieren als zu Hause, wo man von so vielen Dingen abgelenkt ist. Danach begebe ich mich hinunter in die Dining Hall, um bei den Vorbereitungen für das Rice Offering zu helfen. Wir füllen sehr wenig Reis in kleine Blechteller und schlichten sie auf einen Tisch – warum genau wir das machen, ist mir noch nicht ganz klar. Danach werden wir angewiesen, jeder einen der Teller zu nehmen und uns nebeneinander im Schneidersitz an den Rand der Dhamma-Hall zu setzen, natürlich wieder streng nach Geschlechtern getrennt. Unterlagen sind trotz der Kälte nicht erlaubt, und nach der ohnehin kalten Nacht friere ich erbärmlich.
Trotzdem warte ich gespannt auf den Einmarsch der Mönche – zu diesem Zeitpunkt gehe ich ja noch davon aus, dass für jeden Mönch einer der Teller bestimmt ist. Umso erstaunter bin ich, als nur vier Mönche einmarschieren, langsam und gemessen, und bei der Männerreihe beginnen, ihre Schale aufzuhalten. Es stellt sich heraus, dass jeder der Anwesenden den ohnehin schon kleinen Reishaufen auf seinem Teller in vier Teile teilen soll und jedem der Mönche einen Teil davon geben soll. Am Ende des Opfergangs hat daher jeder Mönch einen Haufen kalten Reis in seiner Schale und soweit ich das beobachten konnte, ist das das ganze Frühstück für die Mönche.
Wir hingegen gehen nach diesem Ritual in die Dining Hall und können jetzt unser eigenes Frühstück in unsere nunmehr leeren Blechteller füllen. Es gibt Reis und ein ausgezeichnetes Curry – eine zwar eher unübliche Speise um diese Tageszeit, aber nachdem wir vom Vortag ohnehin ausgehungert sind, ist sie mehr als willkommen! Dazu gibt es Tee und Kaffee und langsam wird mir etwas wärmer.

Allerdings nicht lange, denn die Morgenmeditation um 8:00 Uhr beginnt gleich mit einer einstündigen Gehmeditation. Ich folge dem Beispiel der anderen und bleibe barfuß, bereue das aber schon sehr bald, denn der Boden ist eiskalt und teilweise noch nass vom Morgentau. Anstatt in meditative Stimmung zu kommen, warte ich daher sehnsüchtig darauf, dass die Sonne über den Berg steigt – allerdings vergeblich, es bleibt kalt und schattig, bis die Gehmeditation vorbei ist.
Danach meditieren wir noch eine halbe Stunde im Sitzen und anschließend eine halbe Stunde im Liegen weiter – eine hochinteressante Erfahrung in dieser Umgebung, und für kurze Augenblicke gelingt es mir immer wieder, den Geist zu beruhigen und eine Ahnung davon zu bekommen, wie es sein könnte. Es ist schon etwas anderes, im Beisein der Mönche und von mehr als hundert anderen zu meditieren als alleine zu Hause, noch dazu in dieser wunderschönen Umgebung!
Nach der Morgenmeditation ist es schon wieder Zeit für das Food Offering. Hintergrund für das frühe Mittagessen ist die Tatsache, dass die Mönche nicht nach 11:30 essen dürfen – eine der rund 270 Regeln, die ein buddhistischer Mönch einhalten muss…
Das Ritual unterscheidet sich von jenem in der Früh: vor dem Altar ist jetzt eine Menge verschiedener Speisen angerichtet, von Reis über verschiedene Currys und Saucen bis hin zu Obst und sogar Schokoladekeksen ist die Auswahl beträchtlich. Wie auch schon beim Frühstück sind alle Speisen vegan.
Was jetzt folgt, finde ich ziemlich befremdlich: der oberste Mönch, der auch der Gründer des Klosters ist, sitzt vorne auf dem hölzernen Podest und wir Frauen sind angewiesen, in Dreierreihen auf Knien zu ihm vorzurutschen und ihm dann eine der Speisen mit einer Verneigung darzubieten. Der Mönch ist bestens gelaunt und sichtlich erfreut über das Schauspiel und er hat für jede der Frauengruppen einen kleinen Scherz auf Lager. Er nimmt sich in seine Schüssel, so viel er will, anschließend ist es Aufgabe der Männer, die Schüssel an die anderen drei Männer weiterzureichen und ihnen ebenfalls davon anzubieten.
Nachdem alle Mönche von allen Speisen angeboten bekommen haben und sich in ihre Schüsseln gefüllt haben, was sie möchten, dürfen auch wir uns an den Töpfen bedienen. Wie bereits in der Früh findet das Essen in völligem Schweigen statt. Danach gehen wir ein wenig auf dem Gelände spazieren, um uns über unsere Erfahrungen und weiteren Pläne auszutauschen.
Obwohl wir ja ganz ursprünglich sogar zehn Tage im Kloster bleiben hatten wollen und inzwischen ohnehin schon auf drei Tage reduziert haben, beschließen wir jetzt, noch einmal zu verkürzen und schon am nächsten Tag wieder abzufahren. Es gibt ganz einfach zu viel zu sehen in Thailand! Außerdem erscheint uns das Retreat zwar sehr spannend und vor allem authentisch, wir sind uns aber trotzdem einig, dass es eine bessere spirituelle Erfahrung wäre, einmal zehn Tage ein richtig strenges Schweigeretreat zu machen, wie es auch in Europa angeboten wird.
Am Nachmittag zwischen 16:00 und 17:00 Uhr sind wir angewiesen, im Kloster mitzuhelfen und uns dabei in Achtsamkeit zu üben. Die meisten unserer Kollegen entscheiden sich dafür, das große Gelände zu kehren und den Rasen rund um die Kutis von herabgefallenen Blüten und Blättern zu befreien. Ich schwänze diese Aktivität und lege mich ein halbes Stündchen hin, zu müde bin ich von der schlaflosen Nacht. Danach bin ich frisch für die abendliche Chant- und Meditationseinheit, deren Ablauf ich ja schon vom ersten Abend kenne.

Auch die Morgeneinheit am nächsten Tag gleicht jener vom ersten Tag und nach dem Frühstück ist für uns auch schon die Zeit gekommen, um auszuchecken. Dabei erwartet uns noch eine besonders nette Überraschung: der oberste Mönch des Klosters, den wir ja schon von den Opfergaben kennen, erscheint persönlich in der Empfangshalle und verabschiedet sich bei jedem einzelnen von uns. Zum Dank für unseren Besuch und das gemeinsame Meditieren überreicht er jedem von uns eine Kette mit einem goldenen Buddha-Anhänger und er entlässt uns mit den besten Wünschen für unser weiteres Leben und seinem Segen.
Mein Fazit zu eineinhalb Tagen Kloster: Es war eine einzigartige Erfahrung, mit den Mönchen zu leben und ihren Tagesablauf zu teilen. Die Unterweisungen in Vipassana und die begleitende Literatur, die uns auch als Download zur Verfügung gestellt wurde, waren ausgesprochen wertvoll und die Großzügigkeit der Mönche, die uns gratis beherbergten, hat mich sehr berührt. Allerdings haben mich viele der Rituale im Kloster zu sehr an Gebräuche der katholischen Kirche erinnert. Ich möchte die Technik der Vipassana-Meditation nach dieser Erfahrung definitiv weiter vertiefen, mir persönlich ist es aber lieber, diese Praktiken in Zukunft ohne religiösen Hintergrund zu üben.

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