Nach unserem ernüchternden ersten Tag auf Cat Ba brechen wir am nächsten Tag zu einer privaten Bootstour durch die Lan Ha Bay auf – und diesmal passt plötzlich alles.
Unser Boot ist ein kleiner, aus alten Holzbrettern zusammengebauter Kahn, unser Guide ein freundlicher Fischer, der kein Wort Englisch spricht, und der Motor wird gestartet, indem einfach zwei Kabel kurzgeschlossen werden. Herrlich – genau so habe ich mir das vorgestellt.

Wir fahren zunächst durch das schwimmende Dorf Cai Beo, eines der ältesten Fischerdörfer Vietnams. Früher lebten die Menschen hier vor allem vom Fischfang, heute dominiert die Fischzucht in großen Netzkonstruktionen im Wasser. Die bunten Häuser und Boote wirken fast verspielt, und doch ist das Leben hier einfach und von harter Arbeit geprägt. Inzwischen spielt auch der Tourismus eine zunehmende Rolle, wenn auch noch in einem vergleichsweise sanften Ausmaß.


Dann geht es hinaus in offeneres Wasser. Die Wellen werden höher, der Seegang rauer, und plötzlich wird aus unserer gemütlichen Bootsfahrt ein kleines Abenteuer. Zwischen den Kalksteinfelsen türmen sich die Wellen auf, und unsere Nussschale wird ordentlich durchgeschüttelt. Aber wir haben Glück – oder starke Mägen – und bleiben standhaft.
Diese Fahrt begeistert uns wirklich. Hier ist sie endlich, die ursprüngliche Schönheit dieser Insel, von der alle sprechen.

Bei der Rückfahrt machen wir noch einmal Halt an einer der schwimmenden Plattformen. Unser Steuermann legt an und bedeutet uns auszusteigen. Vorsichtig balancieren wir über wackelige Holzplanken und beobachten das Leben im Dorf aus nächster Nähe: Eine Frau verkauft Gemüse aus einem kleinen Boot, eine andere sitzt auf einer Plattform und löst Muscheln aus ihren Schalen, daneben flickt ein Mann seine Netze. Dazwischen hängen Hängematten, in denen sich jemand ausruht. Viel mehr gibt es hier nicht – aber offenbar reicht es.

Nach diesem Erlebnis kehren wir zurück in die Stadt und gönnen uns ein spätes Mittagessen, bevor wir in unser Zimmer im Flamingo-Komplex einchecken. Unser Balkon liegt im 14. Stock, üppig begrünt, mit Blick über die Bucht – und so ambivalent das alles auch ist: Der Ausblick ist spektakulär.

In der Nacht liege ich wach und höre das Rauschen des Meeres direkt unter uns. Ein gleichmäßiges, beruhigendes Geräusch, das diesen Ort plötzlich ganz still und friedlich wirken lässt – fast so, als gäbe es all das andere nicht.
Am nächsten Morgen wiederholt sich ein seltsames Schauspiel: Elegant gekleidete Vietnamesinnen posieren am Strand für Fotos, ihre weißen Kleider wehen im Wind, während die Wellen ihre Säume durchnässen. Alles dreht sich um das perfekte Bild – und wir beobachten das Ganze fasziniert und ein wenig irritiert zugleich.

Für uns ist es gleichzeitig der Abschied vom Meer – und von Vietnam.
Der Spagat auf Cat Ba zwischen geschützter Natur – Nationalpark, UNESCO-Gebiet – und den massiven Eingriffen in die Landschaft wird mich noch lange beschäftigen. Vielleicht ist genau das das prägende Gefühl, das diese Insel bei mir hinterlässt: dass sie gleichzeitig unglaublich schön und erschreckend verändert ist.

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