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Cat Ba – zwischen Ernüchterung und Dschungelabenteuer

Wir fahren mit dem öffentlichen Autobus von Tam Coc auf die Insel Cat Ba und sind positiv überrascht: Der Bus ist bequem, nicht zu sehr gekühlt und wir müssen ihn nicht einmal auf der kurzen Fährstrecke vom Festland zur Insel verlassen. Cat Ba ist unsere letzte Station in Südostasien und soll der krönende Abschluss unserer mehr als sechswöchigen Reise durch dieses Gebiet werden.

Unser erster Eindruck der Insel ist allerdings mehr als ernüchternd. Massive Baumaßnahmen für den Tourismus, intensives Aufschütten des Meeresbodens und eine Landschaft aus Schlamm und Garnelenfarmen – dort, wo früher einmal Mangrovenwälder gewesen sein müssen. Die Garnelenzucht ist hier ein großes Geschäft: Flache Becken werden direkt an der Küste angelegt, oft auf Kosten der ursprünglichen Vegetation, und liefern in kurzer Zeit große Mengen für den Export. Dazu kommen die sichtbaren Folgen des Taifuns Yagi im Jahr 2024. All das zusammen ergibt ein Bild, das wenig mit dem zu tun hat, was wir uns von dieser Insel erwartet hatten.

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Garnelen statt Mangroven – ein ernüchternder Anblick!

Unsere Hoffnung, dass sich das Bild im Süden der Insel, wo unser Hostel liegt, bessert, bleibt leider unerfüllt. Als wir ankommen, ist es bereits dunkel, und die Straße, in der wir wohnen, wirkt trostlos: heruntergekommene Häuser, sehr viele Hotels, schäbige Lokale – und vor allem: weit und breit kein Meer.

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Der erste Eindruck von Cat Ba ist enttäuschend.

Auch das Hostel selbst, das Secret Garden, erweist sich nicht gerade als Volltreffer. Es ist ein riesiges Partyhostel, und das an sich sehr nette Lokal ist voll mit gerade dem Teenageralter entwachsenen Jugendlichen, die begeistert und lautstark im Chor Taylor-Swift-Lieder singen, wobei sie die Mikrofone von einem zum anderen weiterreichen. So schnell als möglich beenden wir unser Abendessen und ziehen uns in unser Zimmer zurück – dort ist es zumindest ein bisschen leiser.

Entsprechend wenig motiviert sind wir am nächsten Morgen, die Insel zu erkunden. Aber wir sind fest entschlossen, ihre Schönheit zu entdecken – irgendetwas muss es ja sein, das die vielen Touristen hier anlockt!

Also mieten wir uns ein Motorrad, diesmal einen schicken Elektroroller, und machen uns auf ins Landesinnere. Dort soll es einen Nationalpark geben, der für seine markanten Kalksteinfelsen, den dichten Dschungel und die vom Aussterben bedrohten Cat Ba-Languren bekannt ist.

Wenig überzeugt folgen wir etwa eine Viertelstunde dem eintönigen, asphaltierten Weg in den Nationalpark. Meine Laune bessert sich aber schlagartig, als wir an einem kleinen Lokal ankommen, hinter dem es auf ungleichmäßigen Steinstufen steil bergauf geht. Nur wenige Schritte – und wir finden uns plötzlich in einem dichten Dschungel wieder, mit einer Geräuschkulisse, wie ich sie noch nie zuvor gehört habe. Lautes Insektenzirpen, fast wie von einer Alarmanlage, Vogelgezwitscher von allen Seiten, dazu die Schreie von unidentifizierbaren Tieren – so stelle ich mir einen Urwald vor!

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Plötzlich stehen wir mitten im Dschungel!
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Sattgrüne Pflanzen und Geräusche, die man nicht einordnen kann, machen das Dschungelabenteuer zu etwas Besonderem.

Meine Begeisterung wird noch größer, als sich plötzlich die Baumwipfel über mir bewegen und ich pelzige Tiere herumhuschen sehe. Leider sind sie so schnell, dass ich nicht wirklich sagen kann, was ich da gesehen habe, aber ich entscheide für mich, dass es Languren waren. Ist zwar unwahrscheinlich, aber ich mag einfach die Vorstellung.

Aber wir können nicht ewig hier stehenbleiben, der Weg lockt schon weiter, und so beginnen wir einen schweißtreibenden Aufstieg zum Aussichtspunkt, dem 225 Meter über dem Meeresspiegel liegenden Ngu Lam Peak. 225 Meter klingen zwar nicht wirklich hoch, allerdings ist es im Dschungel dermaßen schwül, dass uns schon nach kurzer Zeit das Gewand auf der Haut klebt und vor allem ich immer wieder stehenbleiben muss, um zu verschnaufen.

Wie immer, wenn es anstrengend wird, frage ich mich, warum um alles in der Welt ich mir das antue. Aber ich muss weiter – und nach etwa einer Stunde sind wir schließlich am Aussichtspunkt angelangt. Und wie immer hat sich die Anstrengung gelohnt: Wir werden mit einem herrlichen 360-Grad-Panoramablick über die bewaldeten Karstberge belohnt – ein einmaliges Bild, das sich uns da bietet.

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Für diese Aussicht hat sich das Schwitzen gelohnt!

Zu Freds Pech gibt es etwa 50 Meter über der Aussichtsplattform noch einen weiteren Aussichtspunkt, und ich wäre nicht ich, wenn ich nicht dort auch noch hinaufmüsste. Leise murrend folgt mir mein lieber Mann, doch oben angekommen stimmt er mir zu, dass sich auch diese Mühe gelohnt hat. Zwar sieht man bei dem diesigen Wetter auch von hier nicht bis zum Meer, aber die Aussicht ist noch einmal großartiger.

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Ein paar Höhenmeter mehr – und die Aussicht ist noch großartiger!

Völlig verschwitzt machen wir uns an den Abstieg, und bis wir zurück beim Motorrad sind, wären wir eigentlich bereit für eine Mittagspause. Aber noch müssen wir „arbeiten“: Das Ticket für den Nationalpark inkludiert nämlich auch den Eintritt zu einer nahegelegenen Höhle, und obwohl Fred meint, dass er in den letzten Tagen mehr als genug Höhlen gesehen hat, muss ich natürlich auch dort hin.

Letztendlich sind wir aber beide froh darüber. Bei der Trung-Trang-Höhle handelt es sich um eine rund 300 Meter lange, durchgängig begehbare Höhle, wie wir sie beide noch nicht gesehen haben. Mehr als einmal müssen wir uns bücken, ja manchmal sogar fast durchkriechen – und vor allem für Fred mit seinen 1,92 ist das ein grenzwertiges Unterfangen. Aber es lohnt sich: beeindruckende Stalaktiten, aufflatternde Fledermäuse, plötzliche Erweiterungen des schmalen Gangs zu großen, fast hallenartigen Räumen, in denen wir unsere gebeugten Rücken kurz erholen können. Und noch dazu haben wir diese ganze Pracht für uns alleine.

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Bücken, kriechen, staunen – die Trung-Trang-Höhle.

Doch schon die Fahrt weiter in Richtung Küste ist eigenartig. Die Straße verläuft parallel zur Küste und ist gesäumt von Restaurants – allerdings sind diese fast alle leer. Auf der anderen Straßenseite zieht sich ein riesiger Komplex aus halbfertigen Gebäuden entlang. Ganze Straßenzüge, scheinbar fertig gebaut, aber ohne Menschen. Dazwischen breite, perfekt angelegte Straßen, auf denen sich kaum ein Fahrzeug bewegt. Und mittendrin ein riesiger, beleuchteter Springbrunnen, der wirkt, als hätte man ihn direkt aus Las Vegas hierher versetzt.

Dass sich das Meer nur wenige Meter dahinter befindet, erschließt sich erst, wenn man auf Google Maps nachschaut.

Und so stehen wir plötzlich mitten in einer Art „Mini-Dubai“, das hier aus dem Boden gestampft wurde – mit riesigen Hotelanlagen, künstlich aufgeschütteten Flächen und einer Dimension, die so gar nicht zu dieser Insel passen will.

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Dieser komplette Stadtteil, den man vor den ursprünglichen Hafen von Cat Ba gesetzt hat, wirkt wie eine Ohrfeige mitten ins Gesicht.

Und so kritisch wir das alles sehen – ganz ehrlich: Wer sind wir, das zu beurteilen? Wir haben in Europa über Jahrzehnte genau das Gleiche gemacht. Auch wir wollten wachsen, Wohlstand schaffen, modern sein.

Und trotzdem bleibt ein ungutes Gefühl. Denn vieles hier wirkt nicht wie gewachsene Entwicklung, sondern wie etwas, das über die Landschaft gestülpt wurde – zu schnell, zu groß, zu viel auf einmal.

Hinter vielen dieser Projekte steht offenbar ein einziger großer Investor, und man fragt sich unweigerlich, ob all diese Gebäude jemals wirklich gebraucht werden. Ganze Straßenzüge wirken schon jetzt wie Kulissen – fertig gebaut, aber ohne Leben. Und genau das macht es so schade: Der Eingriff in die Natur ist real, aber ob daraus jemals etwas Sinnvolles entsteht, bleibt fraglich.

Aber zurück zu unserem eigentlichen Plan – wir sind hungrig und wollen endlich ans Meer.

Wir fahren weiter zu den bekannten Cat-Stränden und landen schließlich in einem netten Strandlokal. Und endlich finden wir die Inselatmosphäre, nach der wir gesucht haben, und lassen uns in bequemen Korbsesseln nieder.

Meine Euphorie wird allerdings rasch gedämpft: Das einzige, das hier für mich angeboten wird, sind ranzige Pommes und grünes Gemüse. Aber gut – der erste Hunger ist gestillt.

Jetzt nehmen wir auch erst richtig wahr, wo wir da eigentlich sitzen: Unsere Bar ist das unterste Geschoß eines 17-stöckigen Hotels, das mitten in eine der schönsten Buchten der Insel gebaut wurde. Zugegeben, das Gebäude mit seinen begrünten Balkonen ist architektonisch wirklich gelungen und fügt sich erstaunlich gut in die Landschaft ein. Aber nach allem, was wir bisher auf dieser Insel gesehen haben, bleibt es doch eine weitere massive Intervention in die Natur. Und noch dazu ist es über zwei Skywalks mit weiteren Anlagen verbunden, die die benachbarten Buchten ebenfalls nahezu vollständig einnehmen.

Und trotzdem – oder vielleicht gerade deshalb – entscheiden wir uns, genau hier eine Nacht zu verbringen. Es ist unsere letzte Zeit am Meer, und wir wollen zumindest ein bisschen von diesem Inselgefühl mitnehmen.

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Die Strandbar mit dem darübergelegenen Flamingo-Komplex – zwar wunderschön, aber es verbaut die gesamte Bucht!

Gegen Abend wird das Licht weicher, und wir spazieren entlang der Uferpromenade in Richtung der Nachbarbucht. Und plötzlich befinden wir uns mitten in einer Szene, die ich so nicht erwartet hätte: Überall stehen elegant gekleidete Vietnamesinnen in blütenweißen Kleidern, während ihre Begleiter sie fotografieren. Die Mädchen posieren am Wasser, drehen sich im Wind, achten auf jedes Detail – selbst dann, wenn die Wellen ihre Kleider durchnässen. Es wirkt fast ein wenig surreal.

Einen klassischen Sonnenuntergang gibt es zwar nicht, aber die Stimmung ist trotzdem ganz besonders.

Für heute begnügen wir uns damit, noch ein bisschen Strandatmosphäre zu genießen und fahren anschließend zurück in die Stadt, wo ich meinen immer noch hungrigen Magen mit einer Portion Spaghetti besänftige und wir dann ins Bett fallen. Im Hostel ist heute Karaoke-Night und der „Gesang“ klingt wirklich schauderhaft, aber wir sind so müde, dass wir trotzdem einfach einschlafen.


Am nächsten Tag wollen wir herausfinden, ob Cat Ba mehr ist als Baustellen und Karaoke – und erleben dabei eine Seite der Insel, mit der wir so nicht gerechnet hätten.


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