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Hanoi – laut, chaotisch und definitiv nichts für Anfänger

Nach den vielen Wochen, die wir in vergleichsweise kleinen Dörfern oder gar mitten in der Natur verbracht haben, ist die Ankunft in Hanoi für uns ein Schock. Während wir im Taxi vom Flughafen ins Zentrum noch den Eindruck haben, dass diese Stadt wesentlich moderner ist als alles, was wir bisher in Südostasien gesehen haben, werden wir spätestens beim Aussteigen vor unserem Hostel eines Besseren belehrt: Autos, kleine LKW, Motorräder, Fußgänger, Rikschas und Handwägen – sie alle nutzen gemeinsam die engen Straßen, fahren kreuz und quer, mit oder gegen die Einbahn, und niemand scheint sich um Verkehrsregeln zu kümmern. Das einzige Gesetz, das hier zu gelten scheint, ist das Recht des Stärkeren.

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Hier möchte ich nicht Autofahren! Verkehrsregeln werden eher als Vorschläge interpretiert.

Unser Hostel liegt mitten im Gewühl der Altstadt, und so ist die erste Erfahrung, die wir in Hanoi machen, ein Abend auf der Beer Street. „Belebt“ ist ein Hilfsausdruck – hier wird man gerempelt, geschoben, von Restaurantmitarbeitern in ihre Lokale gezogen, rund um uns wird gehupt, gegrölt, geschrien und gefeiert.

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Trinken, schreien, rempeln – die Beer Street ist definitiv nichts für mich!

Nach einem langen Reisetag ist uns das eindeutig zu viel, und wir flüchten in eine Rooftop-Bar, von der wir in Ruhe und bei einem Drink die Aussicht auf den Wahnsinn unter uns genießen können, ehe wir erschöpft und erleichtert in unsere schmuddeligen Betten fallen.

Am nächsten Tag bleibt uns nur wenig Zeit, weil wir am frühen Nachmittag bereits weiterreisen müssen. Wir müssen uns also entscheiden, wofür wir die wenigen Stunden in Hanoi nutzen, und beschließen, ein Grab zur berühmten Train Street zu nehmen. Die Fahrt bestätigt unseren Eindruck vom Vorabend: Die Straßen von Hanoi sind chaotisch und lebensgefährlich. Umso erleichterter sind wir, als wir heil an unserem Ziel ankommen.

Die Train Street ist zwar durchaus pittoresk, erweist sich aber als ziemliche Touristenfalle. Von Beginn an versuchen uns die Lokalbesitzer, uns in ihre Cafés zu ziehen, und schließlich lassen wir uns entnervt irgendwo nieder. Das ist auch höchste Zeit, denn in wenigen Minuten soll der nächste Zug durch die Straße fahren. Wir haben gerade noch Zeit, einen Drink zu bestellen, als die Kellnerin auch schon hektisch beginnt, das Tischchen vor uns nach hinten zu schieben. Wir werden angewiesen, uns auf unseren Hockern ganz eng an die Mauer zu drücken und die Knie einzuziehen.

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Die Train Street in Hanoi ist durchaus idyllisch anzusehen…

Sehr zum Missfallen eines mit einer Pfeife bewaffneten, hektisch herumlaufenden Mannes beschließe ich, aufzustehen – denn was, so denke ich, kann mir ein vorbeifahrender Zug schon anhaben?

Als sich dann der Zug nähert, beginne ich meine Entscheidung in Frage zu stellen: Die Waggons rauschen so knapp an uns vorbei, dass ich mich wirklich eng an die Wand pressen muss, um nicht vom Luftzug erfasst zu werden. Ein ziemlich grenzwertiges Erlebnis – eines, das ich zwar nicht missen möchte, aber ein zweites Mal brauche ich das nicht.

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…zumindest bis der Zug kommt. Dann wird es für meinen Geschmack ein bisschen zu eng.

Nach diesem Abenteuer bleiben uns noch etwa zwei Stunden in Hanoi, und diese verbringen wir rund um den Hoan-Kiem-See im Zentrum der Altstadt. Wir spazieren über die leuchtend rote The-Huc-Brücke – ein beliebtes Fotomotiv – zum Ngoc-Son-Tempel, können ihn allerdings nicht besichtigen, da ich in meinem Top zu unzüchtig gekleidet bin und keine Lust habe, eines der angebotenen Polyestergewänder überzuziehen.

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Der Hoan Kiem-See mit der The-Huc-Brücke ist eines der wenigen klassischen Fotomotive der Stadt.

Da wir heute noch eine lange Busfahrt vor uns haben, ist es ohnehin vernünftiger, vorher noch eine Kleinigkeit zu essen, und so kosten wir in einem kleinen Lokal unser erstes Banh Mi. Von diesen für Vietnam typischen belegten Sandwiches habe ich schon viel gehört, und sehr zu meiner Freude gibt es sie auch in veganer Form mit Gemüse und Tofu. Noch dazu wird das Banh Mi leicht getoastet serviert – ich bin begeistert von diesem einfachen, aber richtig guten Snack.

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Köstlich, schnell fertig und auf Wunsch sogar vegan: das Banh Mi ist mein Lieblingsessen in Vietnam!

Rund eine Woche später, nach unseren Abenteuern in Tam Coc und auf Cat Ba, verbringen wir einen weiteren Nachmittag und Abend in Hanoi. Diesmal wissen wir ja schon, was uns erwartet, und nehmen das Chaos entsprechend gelassener hin.

Ich nutze die Zeit zunächst für einen ausgedehnten Bummel durch die Gassen der Altstadt. Seit unserem ersten Besuch haben es mir die bunten Lampions, die vor vielen Geschäften hängen, angetan, und ich bin wild entschlossen, ein paar davon mit nach Hause zu nehmen. In den Touristenshops sind sie allerdings relativ teuer, und auch die Auswahl ist eher bescheiden.

Bis mich meine Schritte zufällig in eine Straße führen, die abseits der Touristenmassen liegt und in der ausschließlich Lampions verkauft werden. Zu meiner großen Freude kosten die bunten Teile hier nur einen Bruchteil dessen, was in den Souvenirgeschäften verlangt wird, und beglückt lasse ich mich auf einem kleinen Hocker nieder und suche mir in Ruhe die schönsten Exemplare aus.

Die Verkäuferin spricht kein Wort Englisch und rechnet den Betrag mit Kugelschreiber auf ihrer Handfläche aus. Nur spaßhalber versuche ich, die Summe ein wenig abzurunden, aber sie versteht nicht einmal, was ich von ihr will – und so zahle ich gerne den ursprünglichen Preis.

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Wunderschöne Lampions in der Hang Ma Straße in Hanoi

Während ich so dasitze, zeigt sie kichernd auf meine strammen Hikerwaden, und ich spanne die Muskeln an, um ihr zu demonstrieren, wie stark sie sind – was umgehend zu noch mehr Gelächter führt. Jetzt bin ich nicht mehr zu bremsen und zeige auf meinen Bauch, woraufhin sie auf den ihren zeigt und mir mit Händen und Füßen erklärt, dass ich viel schlanker bin als sie – was natürlich vor allem daran liegt, dass ich auch viel größer bin. Und gar nicht mehr zu halten ist sie, als ich schließlich von meinem Stockerl aufstehe und ihr zeige, dass sie mir nicht einmal bis zur Brust reicht.

Selten hatte ich eine so nette und herzliche Unterhaltung, ohne dass eine der beteiligten Personen auch nur ein Wort der anderen verstehen konnte.

Fred beantwortet währenddessen im Hostel längst fällige E-Mails, ehe er sich mir anschließt. Wir kommen an einem Friseur vorbei, dessen „Salon“ aus einem einzigen Sessel am Straßenrand besteht, und Fred beschließt spontan, dass es wieder einmal Zeit für einen Haarschnitt und eine Rasur ist.

Während ich noch begeistert die Szene fotografiere, bereut er seine Entscheidung schon, denn der Friseur ist alles andere als zimperlich. Blitzschnell und ziemlich gefühllos arbeitet er mit der Maschine über Freds Kopf, und als er schließlich mit dem Rasiermesser an seinem Hals hantiert, wird uns beiden etwas mulmig.

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Fragwürdige Szenen beim Straßenfriseur…

Zum Glück übersteht Fred diese Behandlung weitgehend unbeschadet, und nach einem kurzen Zwischenstopp am Crêpe-Stand gehen wir weiter zum Thang Long Water Puppet Theatre. Online waren alle Vorstellungen bereits ausverkauft, und auch an der Abendkassa informiert uns ein Schild darüber, dass keine Karten mehr verfügbar sind – aber fragen kostet ja nichts. Und tatsächlich: Wir bekommen noch zwei Karten für die soeben beginnende Vorstellung. Und es wird noch besser – die Plätze sind in der ersten Reihe.

Die nächsten 50 Minuten sind ziemlich speziell: In einem flachen Wasserbecken direkt vor uns tauchen bunt bemalte Holzpuppen auf und spielen unterschiedlichste Szenen. Meist geht es um Fischer, Boote oder Drachen, manchmal auch um Reisbauern oder festliche Umzüge – alles ein bisschen einfach, ein bisschen verspielt und manchmal auch leicht skurril.

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Wasserpuppentheater in Hanoi: da freut sich das innere Kind!

Rechts und links der Bühne sitzen Musiker in traditionellen Gewändern und begleiten das Geschehen mit Gesang und für uns ungewohnten Instrumenten.

Und zum Schluss treten die Puppenspieler selbst vor den Vorhang – und stehen dabei bis über die Hüfte im Wasser. Eine ziemlich schräge Vorstellung, die mich ein wenig an unser Kasperltheater erinnert und mir überraschend viel Freude macht. Kein Wunder also, dass die Aufführungen so beliebt sind – die vier täglichen Vorstellungen sind oft schon Tage im Voraus ausgebucht.

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Nach der Vorstellung treten die Puppenspieler selbst vor den Vorhang – und werden dabei bis über die Hüfte nass!

Als wir das Theater gegen 21 Uhr verlassen, sind die Straßen noch voller als zuvor – allerdings mit einer entscheidenden Verbesserung: Wie jeden Samstagabend ist das gesamte Gebiet rund um den Hoan-Kiem-See zur Fußgängerzone geworden, und hier ist wirklich der Bär los.

Direkt vor dem Theater hat sich eine Menschenmenge um eine freie Fläche versammelt, in deren Mitte begeistert getanzt wird – und nicht irgendwie: Ob Tango, Salsa oder Bachata, alles wird mit erstaunlicher Leichtigkeit und viel Freude getanzt.

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In Hanoi braucht man keinen Ballsaal, um sich beim Tanzen zu vergnügen!

Spaßhalber sage ich zu Fred, dass wir es ihnen allen zeigen würden, wenn jetzt ein Wiener Walzer gespielt würde – und kaum habe ich es ausgesprochen, erklingen auch schon die ersten Dreivierteltakte. Nun gibt es kein Halten mehr, und schon wirbelt mich Manfred im Walzertakt herum – herrlich, nach so langer Zeit wieder einmal zu tanzen.

Beschwingt gehen wir weiter und stoßen auf die nächste Attraktion: Zwei Personen stehen einander gegenüber und schwingen zwei lange Seile in entgegengesetzter Richtung. Wer mutig genug ist, darf versuchen, dazwischen hindurchzuspringen. Vor allem junge Mädchen versuchen sich daran, scheitern aber meist – erstaunlicherweise sind es die kleinen Kinder, die das mit spielerischer Leichtigkeit schaffen.

Ich bin fasziniert davon, wie lebensfroh die Menschen hier sind und wie wenig es braucht, um einen schönen Abend zu haben. Auf dem Weg zurück zum Hotel kommen wir noch an Straßenmusikern vorbei, auch sie haben ihr Publikum.

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Straßenmusik im Zentrum von Hanoi

Und dann müssen wir noch ein letztes Mal durch die Beer Street. Obwohl wir das Chaos inzwischen gewohnt sind, sind wir froh, uns relativ schnell durch das Gewühl kämpfen und zurück in unser Hostel retten zu können. Dort heißt es noch schnell Rucksäcke packen – unser Taxi zum Flughafen ist für fünf Uhr früh bestellt.

Und dann beginnt nach sechs Wochen Südostasien ein ganz neues Kapitel unserer Reise: Japan. Wie sich das anfühlt, erzähle ich dir im nächsten Beitrag.


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