Konnichiwa!
こんにちは!
Nach einem 4,5-stündigen Flug von Hanoi landen wir endlich in Japan, dem Land, von dem ich schon so lange geträumt habe. Die Einreise erscheint uns zunächst wie ein Klacks: Ohne uns anzustellen kommen wir zum Schalter, füllen schnell ein Formular aus, geben die Fingerabdrücke ab, noch schnell ein Foto – und schon haben wir ein schickes Pickerl im Reisepass. Nur leider war das noch nicht alles: Bevor wir endgültig ins Land dürfen, müssen wir nach der Gepäckausgabe noch ein Zollformular ausfüllen und mit diesem noch einmal durch eine Kontrolle. Wir sind ja schon wirklich sehr viel herumgekommen in der Welt, aber so etwas habe ich noch nie gesehen!
Mit dem Zug fahren wir in 75 Minuten vom Flughafen Osaka zum Hauptbahnhof in Kyoto. Unser erster Eindruck ist genau so, wie ich mir Japan vorgestellt habe: hypermodern, durchdacht und bis ins Detail funktional. Der Bahnhof von Kyoto ist riesig, architektonisch beeindruckend und gleichzeitig so organisiert, dass man sich trotz der Größe erstaunlich gut zurechtfindet.

Allerdings ist das auch schon so ziemlich alles, was an Kyoto auf den ersten Blick modern wirkt.Ich habe ja gewusst, dass es hier viel gemütlicher ist als etwa in Osaka oder in Tokyo, aber dass es dermaßen kleinstädtisch ist, überrascht mich dann doch. Kaum ein Haus ist höher als zwei, drei Stockwerke, die Häuser sind schmucklos grau und braun – und wären nicht die allgegenwärtigen Kirschen gerade in Vollblüte (hurra!), dann würde die Stadt ziemlich trist wirken.

Überhaupt ist Japan nach sechs Wochen Südostasien zunächst einmal ein Kulturschock. Der Flughafen, die Straßen, die Lokale – alles ist ordentlich und sauber, alles geregelt und ruhig. Vor allem aber fällt mir eines auf: Irgendwie erscheint mir das ganze Land wie ein einziges Understatement. Alles ist extrem einfach gehalten, wirkt schlicht und farblos. Es gibt, obwohl schönster Frühling, keinerlei Blumenschmuck vor den Häusern und auf den Balkonen, keine bunten Vorhänge, keine Schnörksel – nichts.

Auch die wenigen Autos, die in der Stadt unterwegs sind, sind grau oder schwarz, und kaum jemand ist farbig gekleidet. In dieser Szenerie wirken wir beide mit unseren bunten Rucksäcken und der zweckmäßigen Tramper-Garderobe fast schon ein bisschen fehl am Platz.
Bemerkenswert finde ich auch, wie die Frauen gekleidet sind. Ich beobachte eigentlich zwei Haupttypen: Die einen, vor allem ganz junge Mädchen, wirken mit ihren extrem kurzen Faltenröckchen und verspielten Details, als wären sie gerade einem Manga entsprungen. Die anderen, eher etwas älteren Frauen, passen sich ganz dem minimalistischen Stil der Stadt an. Sie tragen dunkle, oft weite, formlose Kleider über ebenso dunklen und weiten Stoffhosen – ein Look, in dem ich vermutlich aussehen würde wie ein Kartoffelsack, der den zierlichen Japanerinnen allerdings erstaunlich gut steht.
Unser kleines Hotel am Rande der Innenstadt treibt diesen Trend ins Extreme: Die Wände sind weiß gekalkt, Böden und die wenigen Möbel sind aus rohem Holz, Bettwäsche und Vorhänge sind ebenfalls weiß. An sich würde mir das sehr gut gefallen, aber dass unser Zimmer so winzig ist und das Badezimmer gar nur eine Nasszelle aus Kunststoff, das finde ich dann doch übertrieben – vor allem bei einem Preis von 200 Euro pro Nacht! Und vom Frühstück rede ich erst gar nicht, das Bild unten spricht für sich…

Auch die Restaurants und Geschäfte in der Innenstadt von Kyoto sind in ähnlichem Stil gestaltet. Besonders bemerkenswert finde ich die Eingänge zu den Lokalen: Diese sind nämlich so dezent gestaltet, dass man sie kaum als solche erkennt, und noch dazu sind sie mit Vorhängen verhängt, so dass ich als Japan-Neuling gar nicht sicher bin, ob ich jetzt eintreten darf oder nicht.

Darf ich natürlich – aber beim Betreten der Restaurants stehe ich gleich vor dem nächsten Problem. Erstens sind viele der Speisekarten ausschließlich auf Japanisch, aber das ist ja in Zeiten von Google Translate mehr eine Geduldfrage als ein Hindernis. Das größere Problem ist das Angebot: In den meisten Lokalen finde ich beim besten Willen nichts Veganes! Nicht einmal Reis oder Gemüse finden wir, und für den armen Fred beginnt eine Odyssee von einem Lokal zum anderen. Schließlich resignieren wir und landen bei einem Italiener. Der ist zwar gut, nur seine Portionen sind winzig – und eigentlich hätten wir ja lieber japanisch gegessen!
Kleine Portionen scheinen hier aber normal zu sein, kein Wunder, dass die Japaner alle so schlank sind! Denn auch das Frühstück am nächsten Tag – ein zäher Minibagel mit ein bisschen Bohnenpaste – ist nicht wirklich üppig. Trotzdem stehen die Leute vor dem Frühstückszimmer unserer Unterkunft Schlange, zähe Bagels scheinen hier der letzte Schrei zu sein…

Unseren ersten Vormittag in Japan verbringen wir damit, die nächsten Tage zu planen – eine lästige, aber sehr wichtige Tätigkeit beim Backpacken – und auch das erweist sich in Japan als überraschend schwierig. Hier ein Hotel zu finden, ist nämlich nicht ganz einfach, und da wir zeitlich ziemlich knapp sind, ist die Auswahl noch zusätzlich begrenzt. Bis Mittag arbeiten wir, bis uns der Schädel brummt – und dann beschließen wir, dass es jetzt endlich Zeit ist, Kyoto zu erkunden.
Was wir dabei erleben – und warum uns diese Stadt zwischen Bambus, Tempeln und Menschenmassen gleichzeitig begeistert und überfordert – erzähle ich im nächsten Beitrag.

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