Nach unserem ersten, etwas holprigen Start in Japan und einem Vormittag voller Planung sind wir gespannt, was Kyoto nun tatsächlich zu bieten hat. Da das Wetter so schön ist, beschließen wir, zuerst mit der U-Bahn nach Arashiyama hinauszufahren, wo sich der berühmte Bambushain befindet.
Dort angekommen, wollen wir uns zunächst einmal stärken – das Frühstück hat nicht wirklich lange angehalten. Und schon stehen wir vor dem gleichen Problem wie am Vortag: Wohin wir auch schauen, wir finden nichts Veganes. Schließlich landen wir wieder einmal in einem Seven Eleven und Manfred kauft eine Art Schnitzelsemmel, während ich mich für das einzige Vegane entscheide, nämlich Natto-Sushi. Natto, so lerne ich von Google, besteht aus fermentierten Sojabohnen und gilt als echtes Superfood, reich an Proteinen und probiotischen Kulturen. Es ist ganz bestimmt sehr gesund – aber ich finde es einfach nur grauslich. Trotzdem esse ich alles brav auf, ich habe keine andere Wahl…
Der Bambushain liegt etwa 1,5 Kilometer von der Station entfernt, und es wälzen sich regelrechte Menschenmassen dorthin. Überhaupt ist die ganze Gegend völlig überfüllt, und mir ist nicht ganz klar, warum diese Menschen alle hier sind. Sicher, der Bambushain ist ganz nett anzusehen, aber er ist ziemlich klein, und ich kann mir nicht vorstellen, dass er allein der Grund für diesen Menschenauflauf ist. Aber wenigstens finden wir unterwegs einen Stand, der Schokoladenmochi mit Erdbeeren verkauft, und nach zwei Mochi bessert sich meine Laune sprunghaft.


Mit neuer Energie beschließen wir, dass es jetzt an der Zeit für ein bisschen Kultur ist. Und so fahren wir mit U-Bahn und Bus zum Kinkaku-ji-Tempel, dem berühmten Goldenen Pavillon. Dieser ist wunderschön anzusehen, wie er sich mit seiner goldenen Fassade im vorgelagerten Teich spiegelt, und auch der Garten rundherum ist sehr gepflegt – aber auch hier sind überall Menschen, und so sind wir ziemlich schnell durch die Anlage durch- und wieder hinausgeschoben.

Es ist jetzt kurz nach 16 Uhr, und ich bin der Meinung, dass sich heute noch ein Tempel ausgeht, nämlich der nahegelegene Ryoan-ji-Tempel. Fred ist von der Idee nicht so ganz begeistert – wir sind heute schon sehr viel gegangen und jetzt noch dorthin hatschen… – aber wir spielen Klick Klack Kluck und ich gewinne, also gehen wir los, ich fröhlich vorhüpfend, Fred ein wenig unwillig hinter mir hertrottend.
Das Highlight des Ryoan-ji-Tempels ist ein historischer Zen-Steingarten, und ich stelle mir vor, dass er ähnlich aussieht wie der Steingarten meines Onkels in meiner Kindheit – nur vielleicht größer und ein wenig minimalistischer. Und so staune ich nicht schlecht, als der gesamte Garten tatsächlich aus nichts anderem besteht aus nichts anderem besteht, als sein Name vermuten lässt – nämlich aus Stein! Keine einzige Pflanze ziert die etwa 250 Quadratmeter große Schotterfläche, lediglich 15 größere Steine stehen auf dem sorgfältig gerechten Schotter herum. Das Ganze ist von einer niedrigen Lehmmauer umrandet, und das wars! Und trotzdem gilt dieser Garten, der bereits im 15. Jahrhundert angelegt wurde, als der berühmteste Zen-Steingarten der Welt.

Da wir so spät gekommen sind (die Anlage schließt um 17 Uhr), haben wir das große Glück, zum Schluss ganz alleine vor diesem Garten zu sitzen. Und da spüren wir es plötzlich, dieses schwer zu beschreibende Gefühl von Ruhe, das von diesem Ort ausgeht. Die Strapazen des Tages scheinen auf einmal weit weg, und der Garten passt irgendwie zu allem, was uns Japan bisher gezeigt hat: weniger ist mehr.

Zum Abschluss des Tages wollen wir noch Gion, dem berühmten Geisha-Viertel der Stadt, einen Besuch abstatten. Laut Maps fährt direkt ein Bus dorthin, das dauert zwar 45 Minuten, aber wir sind ohnehin müde und im Bus können wir uns wenigstens ein bisschen ausrasten. Nur leider hat uns Maps einen Streich gespielt, nach einer Dreiviertelstunde steigen wir nämlich am Hauptbahnhof aus und der ist ganz woanders als das Geisha-Viertel! Entnervt setzen wir uns in ein Taxi und lassen uns hinführen.
Von Gion sind wir ziemlich enttäuscht. Es ist eine hochtouristische Gegend, in der sich ein Restaurant neben das andere reiht, und gemütlich bummeln kann man hier überhaupt nicht – entweder wird man von Autos gejagt oder von Menschen angeschoben. Also flüchten wir wieder einmal in ein Restaurant, auch weil wir nach dem kargen Mittagessen schon wieder hungrig sind.

Die Restaurantsuche ist ähnlich mühsam wie am Vorabend, und irgendwann landen wir entnervt in einem Hotelrestaurant, wo wir – wenig überraschend – wieder Pasta bestellen. Schmeckt sehr gut, ist aber wie gehabt eine Miniportion. Zunehmen werden wir in Japan nicht, das steht fest.
Am Ende dieses Tages sind wir uns nicht ganz sicher, ob wir mehr gesehen oder mehr erlebt haben – viel war es auf jeden Fall. Und während wir uns langsam an die Eigenheiten dieses Landes gewöhnen, ahnen wir noch nicht, dass uns der nächste Tag auf eine ganz andere Weise fordern wird.
Was dann passiert – und warum ein Supermarktbesuch bei mir fast in einer Katastrophe endet – erzähle ich im nächsten Beitrag.

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